Sie kehrten an ihren Tisch zurück. Hagedorn war noch immer nicht da. Johann setzte die zwei
Teddybären auf den dritten Stuhl. Der Geheimrat nahm die schwarzen Ohrenklappen ab. »Es ist
merkwürdig«, erklärte er. »Aber ohne Ohrenklappen schmeckt der Wein besser. Was, um alles in
der Welt, hat das Gehör mit den Geschmacksnerven zu tun?«
»Nichts«, sagte Johann.
Anschließend begannen sie zu experimentieren. Sie hielten sich die Ohren zu und tranken. Sie
hielten sich die Augen zu und tranken.
»Fällt Ihnen etwas auf?« fragte Tobler.
»Jawohl«, antwortete Johann. »Sämtliche Leute starren herüber und halten uns für blödsinnig.«
»Was fällt Ihnen sonst noch auf?«
»Man kann machen, was man will, — der Wein schmeckt großartig. Prosit!«
Währenddem saß Frau Casparius, eine große Schleife im Haar, und auch sonst als halbwüchsiges
Schulmädchen verkleidet, mit dem Apachen Fritz Hagedorn in dem verqualmten, überfüllten
Bierkeller. An ihrem Tisch saßen außerdem noch viele andere Gäste. Sie waren ebenfalls
kostümiert, aber sie litten darunter.
Das rund dreißigjährige Schulkind klappte den Ranzen auf, holte eine Puderdose heraus und
betupfte sich die freche Nase mit einer rosa Quaste.
Der junge Mann sah ihr zu. »Was machen die Schularbeiten, Kleine?«
»Ich brauche dringend ein paar Nachhilfestunden. Vor allem in Menschenkunde. Da tauge ich
gar nichts.«
»Du mußt warten, bis du größer wirst«, riet er. »Auf diesem Gebiet lernt man nur durch
Erfahrung.«
»Falsch«, sagte sie. »Wenn es darnach ginge, müßte ich die Beste in der ganzen Klasse sein.
Aber es geht nicht darnach.«
»Schade. Dann war dein ganzer Fleiß vergeblich? Oh, du armes Kind!«
Sie nickte.
»Was willst du denn mal werden, wenn du aus der Schule kommst?«
»Straßenbahnschaffner«, sagte sie. »Oder Blumenförster. Oder, am allerliebsten, Spazierführer.«
»Aha. Das ist aber auch ein interessanter Beruf! Ich wollte eigentlich Schneemann werden.
Schneeleute haben über ein halbes Jahr Ferien.«
»Heißt es nicht Schneemänner?«
»Es heißt Schneeleute. Aber als Schneemann braucht man das Abitur.«
»Und was sind Sie statt dessen geworden?« fragte sie.
»Erst war ich Tortenzeichner«, antwortete er. »Und jetzt bin ich Selbstbinder. Man hat sein
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Auskommen. Ich besitze einen eigenen Wagen. Einen Autobus. Wegen der großen
Verwandtschaft. Wenn du einmal in Berlin bist, fahr ich dich herum. Ich habe Blumenkästen am
Chassis.«
Das Schulmädchen klatschte in die Hände. »Schön!« rief sie. »Mit Pelargonien?«
»Natürlich«, sagte er. »Andere Blumen passen überhaupt nicht zu Autobussen.«
Nun wurde es den anderen Leuten am Tisch endgültig zuviel. Sie zahlten und gingen fluchtartig
ihrer Wege.
Das Schulkind freute sich und sagte: »Wenn wir noch lauter sprechen, haben wir in zehn
Minuten das Lokal ganz für uns allein.«
Der Plan zerschlug sich. Erst kam Lenz, der Kaschemmenwirt. Seine Flasche Goldwasser war
leer. Er bestellte Burgunder und sang rheinische Lieder. Und dann erschien Frau von Mallebré.
Mit Baron Keller. Sie ging, weil sie schöne, schlanke Beine hatte, als Palastpage gekleidet.
Keller trug seinen Frack. Man begrüßte einander so freundlich wie möglich.
»Im Frack?« fragte Hagedorn erstaunt.
Keller klemmte das Monokel noch fester. »Ich kostümiere mich nie. Es liegt mir nicht. Ich kann
so was nicht komisch finden.«
»Aber im Frack zum Lumpenball!« meinte das kleine Schulmädchen.
»Warum denn nicht?« bemerkte der dicke Lenz. »Es gibt auch Lumpen im Frack!« Und dann
lachte er ausschweifend.
Der Baron verzog den Mund. Und Hagedorn erklärte, leider gehen zu müssen.
»Bleiben Sie doch noch«, bat der Page. Und das Schulmädchen begann laut zu schluchzen.
»Ich habe mein Wort verpfändet«, meinte der junge Mann. »Wir Apachen sind ein emsiges
Volk. Es handelt sich um einen Einbruch.«
»Was wollen Sie denn stehlen?« fragte Lenz.
»Einen größeren Posten linker Handschuhe«, sagte Hagedorn geheimnisvoll. Er legte einen
Finger an den Mund und entfernte sich schnell.
Die beiden älteren Herren winkten, als sie ihn kommen sahen. »Wo waren Sie mit dem
Schulmädchen?« fragte Schulze sittenstreng. »Habt ihr gut gefolgt?« »Lieber, mütterlicher
Freund«, sagte der junge Mann. »Wir haben nur davon gesprochen, was die Kleine, wenn sie aus
der Schule kommt, werden will.«
»Pfui, Herr Doktor!« rief Kesselhuth.
»Na, und was will sie werden?« fragte Schulze.
»Sie weiß es noch nicht genau. Entweder Blumenförster oder Spazierführer.«
Die beiden älteren Herren versanken in Nachdenken. Dann sagte Kesselhuth, der sich wieder
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hinter Schulzes Stuhl gestellt hatte: »Na denn Prost!« Sie tranken. Und er fuhr fort: »Gnädiger
Herr, darf ich mir eine Bemerkung erlauben?«
»Ich bitte darum, Johann«, sagte Schulze.
»Wir sollten jetzt vors Hotel gehen und auf Kasimirs Wohl trinken.«
Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Kesselhuth belud sich mit einer Flasche und drei
Gläsern. Schulze übernahm die Teddybären. Dann spazierten die drei Männer im Gänsemarsch
durch die Säle. Hagedorn schritt voran.
Im Grünen Saal störten sie die Preisverteilung für die gelungensten Kostüme. Im Kleinen Saal
behinderten sie durch ihren Vorbeimarsch die von Professor Heltai arrangierten Tanz- und
Pfänderspiele. Würdig und ein wenig im Zickzack marschierend, bahnten sie sich unbeirrt ihren
Weg.
Der Portier, den besonders waghalsige Ballbesucher mit Konfetti und Papierschlangen verziert
hatten, verbeugte sich vor Hagedorn und blickte giftig zu Schulze hinüber, der die Teddybären
emporhob und laut zu ihnen sagte: »Schaut euch einmal den bösen Onkel an! So etwas gibt's
wirklich.«
Kasimir, der Husaren-Schneemann, sah wieder ganz reizend aus. Die drei Männer betrachteten
ihn voller Liebe. Es schneite.
Schulze trat vor. »Bevor wir auf das Wohl unseres gemeinsamen Sohnes anstoßen«, sagte er
feierlich, »möchte ich ein gutes Werk tun. Es ist bekanntlich nicht gut, daß der Mann allein sei.
Auch der Schneemann nicht.« Er ging langsam in Kniebeuge und setzte die Teddybären, einen
zur Rechten und einen zur Linken Kasimirs, in den kalten Schnee. »Nun hat er wenigstens, auch
wenn wir fern von ihm weilen, Gesellschaft. «
Dann füllte Herr Kesselhuth die Gläser. Aber der Rest Wein, der in der Flasche war, reichte nicht
aus. Und Johann verschwand im Hotel, um eine volle Flasche zu besorgen.
Nun standen Schulze und Hagedorn allein unterm Nachthimmel. Jeder hatte ein halbvolles Glas
in der Hand. Sie schwiegen. Der Abend war sehr lustig gewesen. Aber die beiden Männer waren
plötzlich ziemlich ernst. Ein sich leise bewegender Vorhang von Schneeflocken trennte sie.
Schulze hustete verlegen. Dann sagte er: »Seit ich im Krieg war, habe ich keinen Mann mehr
geduzt. Frauen, na ja. Da gibt es Situationen, wo man schlecht Sie sagen kann. Ich möchte, wenn
es dir recht ist, mein Junge, den Vorschlag machen, daß wir jetzt Brüderschaft trinken.«
Der junge Mann hustete gleichfalls. Dann antwortete er: »Ich habe seit der Universität keinen
Freund mehr gehabt. Ich hätte mich nie getraut, Sie um Ihre Freundschaft zu bitten.
Menschenskind, ich danke dir.«
»Ich heiße Eduard«, bemerkte Schulze.
»Ich heiße Fritz«, sagte Hagedorn.
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Dann stießen sie mit den Gläsern an, tranken und drückten einander die Hand.
Kesselhuth, der, eine neue Flasche unterm Arm, aus der Tür trat, sah die beiden, ahnte die
Bedeutung dieses Händedrucks, lächelte ernst, machte behutsam kehrt und ging in das lärmende
Hotel zurück.
Das dreizehnte Kapitel
Der große Rucksack
Mutter Hagedorns Paket traf am nächsten Tag ein. Es enthielt die Reklamearbeiten, die der Sohn
verlangt hatte, und einen Brief.
»Mein lieber guter Junge!« schrieb die Mutter. »Vielen Dank für die zwei Ansichtskarten. Ich
bin auf dem Sprunge und will das Paket zum Bahnhof bringen, damit Du es schnell kriegst.
Hoffentlich knicken die Ecken nicht um. Ich meine, bei den Paketen und Kunstdrucksachen. Und
sage diesem Herrn Kesselhuth, wir möchten Deine Arbeiten gelegentlich zurückhaben. Solche
Herrschaften sind meistens vor lauter Großartigkeit vergeßlich.
Herr Franke sagt, wenn es mit den Toblerwerken klappte, das wäre zum Blödsinnigwerden. Du
weißt ja, daß er sich stets so ausschweifend ausdrückt. Er will für Dich die Daumen halten. Das
finde ich, wo er nur zur Untermiete bei uns wohnt, sehr anständig von ihm. Ich halte nicht nur
die Daumen, sondern auch die großen Zehen. Wenn trotzdem aus der Anstellung nichts werden
sollte, haben wir uns wenigstens keine Vorwürfe zu machen. Das ist die Hauptsache. Man darf
sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Und wer sich ein Bein ausreißt, hat es sich selber
zuzuschreiben.
Daß der andere Preisträger ein netter Mensch ist, freut mich. Grüße ihn schön. Natürlich
unbekannterweise. Und laßt Euch von den feinen Leuten nichts vormachen. Viele können
sowieso nichts dafür, daß sie reich sind. Viele haben, glaube ich, nur deswegen Geld, weil der
liebe Gott ein weiches Herz hat. Besser als gar nichts, hat er bei ihrer Erschaffung gedacht. Wirst
Du übrigens mit der Wäsche reichen? Sonst schicke mir rasch die schmutzige in einem Karton.
In drei Tagen hast Du sie wieder. Bei Heppners liegen sehr schöne Oberhemden im Fenster. Ich
werde eins zurücklegen lassen. Ein blaues mit vornehmen Streifen. Wir holen es, wenn Du
wieder zu Hause bist. Ich könnte Dir's mitschicken. Aber wer weiß, ob es Dir gefällt.
So, mein Junge. Jetzt fahre ich mit dem Zug bis zum Potsdamer Bahnhof. Dann laufe ich bis
zum Anhalter. Schneeluft ist gesund. Man kommt überhaupt zu wenig aus der Stube. Die
Ansichtskarten gefallen mir gut. So ähnlich wie neulich im Kino, wo Du Fremdenloge
verlangtest. Ich habe es Herrn Franke erzählt. Er hat gelacht.
Vergiß nicht, wenn Du im Wald bist, acht- bis zehnmal tief Atem zu holen. Nicht öfter. Sonst
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kriegt man Kopfschmerzen. Und was soll das.
Mir geht es ganz ausgezeichnet. Ich singe viel. In der Küche. Wenn ich esse, steht Deine
Fotografie auf dem Tisch. Denn allein schmeckt's mir nicht. Hab ich recht? Hoffentlich kommt
morgen ein Brief von Dir. Wo Du ausführlich schreibst. Vorläufig versteh ich nämlich manches
noch nicht. Vielleicht bin ich mit der Zeit ein bißchen dumm geworden. Durch die
Arterienverkalkung.
Wieso hast Du zum Beispiel drei kleine Katzen im Zimmer? Und wieso hast Du zwei Zimmer
und ein extra Bad? Und was soll das mit dem Ziegelstein? Das ist mir völlig unklar, mein lieber
Junge.
Herr Franke sagt, hoffentlich wäre es wirklich ein Hotel. Und nicht etwa ein Irrenhaus. Er ist ein
schrecklicher Mensch. Hat denn der andere Preisträger auch so viele Räumlichkeiten und Katzen
und einen Ziegelstein?
Der Roman in der Zeitung ist diesmal sehr spannend. Viel besser als der letzte. Besonders seit
gestern. Herr Franke und ich sind ganz verschiedener Ansicht, wie die Geschichte weitergehen
wird. Er versteht nichts von Romanen. Das wissen wir ja nun schon.
Und dann: mach keine Dummheiten! Ich meine Ausflüge auf gefährliche Berggipfel. Gibt es in
Brückbeuren Lawinen? Dann sieh Dich besonders vor! Sie fangen ganz harmlos an, und
plötzlich sind sie groß. Ausweichen hat dann keinen Zweck mehr.
Passe, bitte, gut auf! Ja? Auch mit den weiblichen Personen im Hotel. Entweder ist es nichts
Genaues oder in festen Händen. Daß nicht wieder so ein Krach wird wie damals in der Schweiz.
Da sitzt Du dann wieder da mit dem dicken Kopf. Sei so lieb. Sonst hab ich keine Ruhe.
Ich schreibe wieder einmal einen Brief, der nicht alle wird. Also Schluß! Antworte auf meine
Fragen. Du vergißt es oft. Und nun zum Bahnhof.
Bleibe gesund und munter! Kein Tag, der vorüber ist, kommt wieder. Und benimm Dich! Du bist
manchmal wirklich frech. Viele Grüße und Küsse von
Deiner Dich über alles liebenden
Mutter.«
Nach dem Lunch saßen die drei Männer auf der Terrasse, und Doktor Hagedorn zeigte seine
gesammelten Werke. Schulze betrachtete sie eingehend. Er fand sie sehr gelungen, und sie
unterhielten sich lebhaft darüber. Herr Kesselhuth rauchte eine dicke schwarze Zigarre
,
schenkte
allen Kaffee ein und sonnte sich in jeder Beziehung. Schließlich meinte er: »Also, heute abend
schicke ich das Paket an Geheimrat Tobler.«
»Und vergessen Sie, bitte, nicht, bei ihm anzufragen, ob er auch für Herrn Schulze einen Posten
hat«, bat Hagedorn. »Es ist dir doch recht, Eduard?«
Schulze nickte. »Gewiß, mein Junge. Der olle Tobler soll sich mal anstrengen und was für uns
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