|
|
politische Dimension der Mordserie jahrelang |
|
|
verkannt oder willentlich ignoriert wurde. Durch |
|
|
die Reduktion auf ein Imbissgericht würden die |
|
|
Opfer der Morde in höchstem Maße diskriminiert |
|
|
und ganze Bevölkerungsschichten aufgrund ihrer |
|
|
Herkunft ausgegrenzt. |
2010 |
alternativlos |
Das Wort suggeriere sachlich unangemessen, |
|
|
dass es bei einem Entscheidungsprozess von |
|
|
vornherein keine Alternativen und damit auch |
|
|
keine Notwendigkeit der Diskussion und Argu- |
|
|
mentation gebe. Behauptungen dieser Art seien |
|
|
2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohten, die |
|
|
Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu ver- |
|
|
stärken. |
2009 |
betriebsratsverseucht |
Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen |
|
|
störe zwar viele Unternehmen; Betriebsräte als |
|
|
Seuche zu bezeichnen, sei indes „ein sprachlicher |
|
|
Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängi- |
|
|
gen“.[15](bekannt wurde der Begriff durch seine |
|
|
Verwendung in der ARD. Nach Angaben eines |
|
|
Mitarbeiters der BaumarktketteBauhaus wird er |
|
|
von Abteilungsleitern der Baumarktkette ge- |
|
|
braucht, wenn Mitarbeiter aus einer der drei Fili- |
|
|
alen mit einem Betriebsrat in eine ohne wechseln |
|
|
wollen. |
2008 |
notleidende Banken |
Der Begriff stelle das Verhältnis von Ursachen |
|
|
und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den |
|
|
Kopf. Während die Volkswirtschaften in ärgste |
|
|
Bedrängnis geraten seien und die Steuerzahler |
|
|
Milliardenkredite mittragen müssten, würden die |
|
|
Banken, durch deren Finanzpolitik |
|
|
die Kriseverursacht worden sei, zu Opfern stili- |
|
|
siert. |
2007 |
Herdprämie |
Abwertende Bezeichnung für Geld, das Eltern |
|
|
erhalten sollen, die ihre Kinder zuhause selbst |
|
|
aufund erziehen und nicht in einer Kindertages- |
|
|
stätte betreuen lassen wollen – als negativer Ge- |
|
|
gensatz zur Berufstätigkeit statt alleiniger Kin- |
|
|
dererziehung. |
2006 |
freiwillige Ausreise |
Bezieht sich darauf, dass viele abgelehnte Asyl- |
|
|
bewerber vor einer drohenden Abschiebung |
|
|
„freiwillig“ in ihre Heimat zurückkehren. |
|
|
Tatsächlich hätten sie aber keine andere Wahl. |
|
|
71 |
2005 |
Entlassungsproduktivität |
Gewinne aus Produktionsleistungen eines Unter- |
|
|
nehmens, nachdem zuvor zahlreiche für „über- |
|
|
flüssig“ befundene Mitarbeiter entlassen wurden. |
2004 |
Humankapital |
degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch |
|
|
interessanten Größen |
2003 |
Tätervolk |
grundsätzlich inakzeptab- |
|
|
ler Kollektivschuldvorwurf; als möglicher Vor- |
|
|
wurf gegen Juden von Martin Hoh- |
|
|
mann gebraucht |
2002 |
Ich-AG |
Reduzierung von Individuen auf sprachliches |
|
|
Börsenniveau. |
2001 |
Gotteskrieger |
Selbstund Fremdbezeichnung |
|
|
der Taliban und al-Qaida-Terroristen. |
2000 |
national befreite Zone |
Zynisch heroisierende Umschreibung einer Regi- |
|
|
on, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird, |
|
|
damit sie "ausländerfrei" wird. |
1999 |
Kollateralschaden |
Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Ne- |
|
|
bensächlichkeit; NATO-offizieller Terminus im |
|
|
Kosovo-Krieg. |
1998 |
sozialverträgliches |
In einer öffentlichen Erklärung zynisch wirkende |
|
Frühableben |
Ironisierung; Karsten Vilmar. |
1997 |
Wohlstandsmüll |
Umschreibung arbeitsunwilliger wie arbeitsunfä- |
|
|
higer Menschen; Helmut Maucher, Nestlé. |
1996 |
Rentnerschwemme |
falsches, angstauslösendes Naturbild für einen |
|
|
sozialpolitischen Sachverhalt |
1995 |
Diätenanpassung |
Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag |
1994 |
Peanuts |
abschätziger Bankerjargonismus; Hilmar Kopper |
1993 |
Überfremdung |
Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern |
1992 |
ethnische Säuberung |
Propagandaformel im ehemaligen Jugoslawien |
1991 |
ausländerfrei |
fremdenfeindliche Parole in Hoyerswerda, |
|
|
siehe Ausschreitungen von Hoyerswerda |
Neben den Unwörtern des Jahres veröffentlicht die Jury auch weitere Kandidaten für dieses Unwort oder zweitund drittplatzierteUnwörter.
Jahr |
Kandidaten zum Unwort |
|
|
des Jahres[10] |
Begründung der Jury |
|
|
|
2012 |
Pleite-Griechen |
Der Begriff „diffamiere ein ganzes Volk in ‚un- |
|
|
angemessener und unqualifizierter Weise‘“ |
|
|
|
2012 |
Lebensleistungsrente |
Der Begriff sei eine „irreführende bis zynische |
|
|
Bezeichnung für ein Vorhaben, bei dem unter |
|
|
72 |
|
|
sehr restriktiven Bedingungen eine geringfügige |
|
|
Zusatzleistung des Staates versprochen wird“ |
2012 |
Schlecker-Frauen |
Dieser allgemein favorisierte Begriff erinnert an |
|
|
das Wort Trümmerfrauen und wurde im Rahmen |
|
|
der monatelangen Berichterstattung zu einer in- |
|
|
solventen Drogeriekette und den um ihre Jobs |
|
|
bangenden Mitarbeiterinnen geprägt. |
2011 |
Gutmensch |
Insbesondere in Internet-Foren werde der demo- |
|
|
kratisch geprägte Ausdruck abwertend gebraucht, |
|
|
um Andersdenkende pauschal und ohne Anse- |
|
|
hung ihrer Argumente zu diffamieren. Obgleich |
|
|
schon seit über 20 Jahren in dieser Form gebraucht, |
|
|
sei er 2011 einflussreicher geworden und habe |
|
|
somit ein verstärktes Potential als Kampfbegriff |
|
|
entfaltet. |
2011 |
Marktkonforme |
Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel stam- |
|
Demokratie |
mende Formulierung relativiere die Unverein- |
|
|
barkeit der absoluten Norm Demokratie mit einer |
|
|
Konformität gegenüber jedweder Instanz. Auch |
|
|
wenn der Begriff gegenwärtig kritisch verwendet |
|
|
werde, stehe er für eine bedenkliche Entwicklung |
|
|
der politischen Kultur. |
2010 |
Integrationsverweigerer |
Das vom ehemaligen Bundesinnenminister Tho- |
|
|
mas de Maizière (CDU) in Umlauf gebrachte |
|
|
Wort unterstelle, viele Migranten verweigerten |
|
|
ihre Integration. In den Debatten um das Thema |
|
|
werde meist ausgeblendet, dass für eine solche |
|
|
Behauptung eine sichere Datenbasis fehle und |
|
|
der Staat für die Integration noch zu wenig tue. |
2010 |
Geschwätz des |
Angelo Sodano, der Dekan des Kardinalskollegi- |
|
Augenblicks |
ums, hatte diese Formulierung in der Ostermesse |
|
|
des Papstes benutzt. Damit sei versucht worden, |
|
|
die massiven Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in |
|
|
der katholischen Kirche beiseitezuschieben. |
2009 |
Flüchtlingsbekämpfung |
Bundeskanzlerin Angela Merkel benutzte auf ei- |
|
|
nem Bürgerforum den Ausdruck, um damit die |
|
|
Abwehr von Flüchtlingen an den Grenzen Euro- |
|
|
pas zu bezeichnen. Die Jury sagte dazu: „Es ist |
|
|
zu hoffen, dass damit nicht tatsächlich militäri- |
|
|
sche Aktionen gemeint sind. In jedem Fall ist die |
|
|
Gleichsetzung einer Menschengruppe mit einem |
|
|
negativen und deshalb zu bekämpfenden Sach- |
|
|
verhalt ein dramatischer sprachlicher Fehlgriff.“ |
|
|
73 |
2009 |
Intelligente Wirksysteme |
Der Begriff sei laut der Jury verharmlosend, da |
|
|
damit „ausschließlich [eine] technologisch hoch- |
|
|
entwickelte Munitionsart“ gemeint ist. |
2008 |
Rentnerdemokratie |
Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog |
|
|
malte damit ein Schreckenszenario, in dem „die |
|
|
Alten die Jungen ausplündern“ würden. |
2008 |
Karlsruhe-Touristen |
Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer |
|
|
Wendt bezeichnete im Zusammenhang der Dis- |
|
|
kussion der BKA-Gesetzesnovelle damit Bürger, |
|
|
die aufgrund von Zweifeln an der Verfassungs- |
|
|
mäßigkeit von Gesetzen vor das Bundesverfas- |
|
|
sungsgericht gehen. Dies wurde als ein bedenk- |
|
|
liches Verständnis der Grundrechte gesehen. |
2007 |
klimaneutral |
Kritisiert wird der Versuch, mit diesem Begriff |
|
|
für eine Ausweitung des Flugverkehrs oder eine |
|
|
Steigerung anderer CO2-haltiger Techniken zu |
|
|
werben, ohne dass dabei deutlich wird, wie diese |
|
|
Klimabelastungen „neutralisiert“ werden sollen. |
2007 |
entarten |
Umschreibung für Entwicklung von moderner |
|
|
Kunst und Kultur ohne religiöse Bindung, be- |
|
|
griffliche Nähe zum Begriff Entartete Kunst im |
|
|
Nationalsozialismus; Kardinal Joachim Meisner |
2006 |
Konsumopfer |
Umschreibung von Models, die durch Abmagern |
|
|
einem Schönheitsideal der Konsumgesellschaft |
|
|
gerecht werden müssen. |
2006 |
Neiddebatte |
Diffamierung der öffentlichen Diskussion um |
|
|
übertriebene Managergehälter |
2005 |
Ehrenmord |
inakzeptable Berufung auf eine archaische „Fa- |
|
|
milienehre“ zur Rechtfertigung der Ermordung |
|
|
eines meist weiblichen Familienmitglieds |
2005 |
Bombenholocaust |
umstrittene, meist von Rechtsextremen genutzte |
|
|
Umschreibung der Luftangriffe auf Dresden, die |
|
|
Bezug auf den Holocaust nimmt |
2005 |
Langlebigkeitsrisiko |
unsensibler Fachterminus für das Versicherungs- |
|
|
risiko, das dadurch entsteht, dass Versicherte länger |
|
|
leben als kalkuliert, vgl. auch „Todesfallbonus“ |
2004 |
Begrüßungszentren |
sprachliche Verniedlichung von Auffanglagern |
|
|
für afrikanische Flüchtlinge; diese Wortbildung |
|
|
ist kongenial zu dem schon offiziellen Namen |
|
|
"Ausreisezentrum" für Abschiebehaftanstalten |
2004 |
Luftverschmutzungsrechte |
nicht nur ökologisches Unding, das Wort trägt |
|
|
vielmehr auch dazu bei, „Treibhausgasemissio- |
|
|
nen“ für unbedenklich zu halten, weil ihr Handel |
|
|
74 |
|
|
rechtlich geregelt wird |
|
|
2003 |
Angebotsoptimierung |
Beschönigung von Dienstleistungsminderungen, |
||
|
|
etwa Stilllegung von Bahnstrecken; ähnlich |
||
|
|
„Briefkastenoptimierung“ |
||
2003 |
Abweichler |
Diskriminierung |
von |
Bundestagsabgeordneten, |
|
|
die Gewissensentscheidung über Fraktionsbzw. |
||
|
|
Koalitionszwang stellten |
||
2002 |
Ausreisezentrum |
Behördenterminus für Sammellager, aus denen |
||
|
|
abgewiesene Asylbewerber abgeschoben werden |
||
2002 |
Zellhaufen |
sprachliche Verdinglichung von Biotechnikern |
||
|
|
für einen menschlichen Embryo |
||
2001 |
Kreuzzug |
pseudoreligiöse Verbrämung kriegerischer Ver- |
||
|
|
geltungsmaßnahmen; US-Präsident George W. Bush |
||
2001 |
Topterrorist |
verharmlosende |
und |
positivierende Benennung |
|
|
von Osama bin Laden |
|
|
2001 |
therapeutisches Klonen |
zweifelhafte Wortzusammenstellung, um Mani- |
||
|
|
pulationen am menschlichen Erbgut gegen |
||
|
|
Krankheiten bzw. für Therapien in nicht abseh- |
||
|
|
barer Zeit zu rechtfertigen |
||
2001 |
Gewinnwarnung |
von Aktionären verwendeter sachlich falscher |
||
|
|
Begriff, der vor geringeren Gewinnen als erwar- |
||
|
|
tet warnt |
|
|
2000 |
überkapazitäre Mitarbeiter |
Reduzierung von zu entlassenden Arbeitnehmern |
||
|
|
auf rein betriebswirtschaftliche Größen |
||
2000 |
Separatorenfleisch |
seriös klingende, bei BSE-Verdacht besonders un- |
||
|
|
angemessene Bezeichnung von Schlachtabfällen |
||
2000 |
„Dreck weg!“ |
CDU-Parole in Darmstadt, die sich auch gegen |
||
|
|
„missliebige“ Menschen richtete |
||
2000 |
Belegschaftsaltlasten |
Abfallmetapher für Mitarbeiter, die ein Betrieb |
||
|
|
gern wieder loswerden möchte |
||
2000 |
Humankapital |
als Bezeichnung von Kindern |
||
2000 |
Moralkeule |
Fatale Koppelung von „Moral“ und einem Tot- |
||
|
|
schlaginstrument; Martin Walser |
||
2000 |
Nachinformation |
Euphemismus der Hessen-CDU bezüglich des |
||
|
|
verspäteten Einräumens von weiteren Details in |
||
|
|
derCDU-Spendenaffäre, die zuvor vehement be- |
||
|
|
stritten worden waren |
|
|
1997 |
Organspende |
Pervertierung der Begriffe „Spende/spenden“ in |
||
|
|
der Transplantationsmedizin |
||
75